„Für die eigene Zukunft und für das Gemeinwesen von morgen sorgen … Wir alle sind verantwortlich“ – Hartwig von Kutzschenbach

Hartwig von Kutzschenbach, Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes SOFA in Nürtingen und Vorsitzender der Alzheimer Gesellschaft in Baden-Württemberg.


Foto7_-KutschenbachBurkhard Plemper: Herr von Kutzschenbach, man hört ja immer so viel von der Zusammenarbeit zwischen Profis, Ehrenamtlichen, Angehörigen und so weiter ... über dieses zivilgesellschaftliche Element. Nun machen's die Profis doch gut, schnell, kostengünstig und effizient. Wozu brauchen wir da die anderen?

Hartwig von Kutzschenbach: Für uns! Die Professionalität ist ein wichtiger Teil insbesondere da, wo besonders schwere Pflege erforderlich ist, wo besonders schwierige Pflege und Betreuung zu leisten ist. Das zivilgesellschaftliche Engagement wird uns befähigen, nachher nicht alleine dazustehen, denn es wird nicht so viele Profis geben, wenn wir einmal alt und dement sind. Und auch heute schon zeigt sich, dass Menschen mit Demenz ja eben nicht nur den Teil Pflege und Betreuung haben, sondern sie haben auch den Teil, Bürger zu sein. Und auf dieser Ebene treffen sie sich mit ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern, ob sie Vereinsmitglieder sind oder ob sie frühere Arbeitskolleginnen und -kollegen sind und Ähnliches. Und ich glaube, es geht darum, in einer Zivilgesellschaft, diesen Kontakt nicht zu verlieren und wenn er verlorengegangen ist, aufgrund unserer Individualisierung, den wieder herzustellen. Und dafür braucht es natürlich auch wieder Profis oder Kommunen, die die Plattform herstellen, damit diese Begegnung wieder möglich ist.

Burkhard Plemper: Ich frage mich jetzt gerade: Sagen Sie das als der Profi vom Sozialpsychiatr. Dienst oder als der zivilgesellschaftlich Engagierte von der Alzheimergesellschaft?

Hartwig von Kutzschenbach: Ich sage das in beiden Rollen - ich bin zudem noch betroffener Angehöriger, also ich weiß doch ein Stück weit, wovon ich spreche. Ich glaube, es ist einfach wichtig, dass wir das Thema Demenz nicht irgendeiner Gruppe zuschieben, sondern wir alle sind verantwortlich, damit umzugehen und uns einzulassen auf Begegnung. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir hatten in Ostfildern ja die Demenzkampagne. Und für mich ein leuchtendes Beispiel war die Matinée, eine Musikveranstaltung für Menschen mit und ohne Demenz. Man konnte den Menschen nicht an einem Aufkleber ansehen, ob sie dement waren oder nicht. Es war eine Veranstaltung, die für alle wichtig und gut war. Die Veranstaltung war so organisiert, dass Menschen mit Demenz auch haben teilnehmen können, sie war überschaubar mit Pausen, sie war nicht zu lange usw. Und ich glaube, um solche Elemente geht es.
Burkhard Plemper: Wir haben das am Beispiel Kirche ja eben auch schon gehört. Ich kenne das aus Hamburg ... zum Beispiel Gottesdienste für Menschen mit Demenz sind auch bei den anderen sehr beliebt, weil sie klar, überschaubar und nicht zu langatmig sind. Also da findet dann Begegnung ja offensichtlich statt. Aber es gibt doch auch das Spannungsverhältnis mit den Profis? Dass Profis sagen: Komm, das weiß ich wirklich besser, ich habe das studiert?

Hartwig von Kutzschenbach: Ich sage mal so: Auch Profis sind ja noch in der Lage zu lernen. Und ich glaube, je mehr Auseinandersetzung es gibt untereinander, umso fruchtbarer kann es werden. Und so wie Sie vorhin gesagt haben: keiner von uns hat die Weisheit mit Löffeln gefuttert - wir können nicht aus dieser Besserwisser-Attitüde heraus arbeiten. Wir sind manchmal verantwortlich da, wo andere an ihre Grenzen geraten sind, da sind Profis verantwortlich und gefragt. Aber bei allem anderen sind wir Teil dieser Gesellschaft und nicht irgendwo sozusagen die Überflieger.

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