Die Kunst, sich Hilfe zu organisieren und das Unbill des Lebens aus einer anderen Warte zu betrachten – Herta Eisfeld, pflegende Angehörige

Herta Eisfeld pflegt ihren Mann seit 12 Jahren. Ihr Mann ist inzwischen 64 Jahre alt, in Pflegestufe III eingestuft, vollständig auf Hilfe und Pflege angewiesen. Frau Eisfeld versorgt ihren Mann zu Hause und möchte dies so lange tun, wie es irgend möglich ist.

Burkhard Plemper stellt Frau Eisfeld dem Publikum vor und fragt, wie der Morgen des Tages zu Hause verlaufen sei.


Herta Eisfeld: Alles war super! Das funktioniert alles ganz okay. Wir leben eigentlich sehr entspannt. Es sind inzwischen bestimmt 14 Jahre, seit er die ersten Symptome gezeigt hat ... Inzwischen ist er im Endstadium. Er ist ganz bewegungslos und völlig hilflos. Aber das ist natürlich auch ... man kann das auch entspannt sehen: Die Phasen, in denen mein Mann sehr aktiv war und wir Polizeieinsätze und ähnliches durchzustehen hatten, die waren viel anstrengender!

Heutzutage sieht ein typischer Morgen so aus: Ich wecke ihn auf, er lächelt mich an. Ich fahre ihn ins Bad und mache Morgentoilette mit ihm. Danach frühstücken wir gemeinsam. Alles ganz normal. Ich versuche, ganz normal zu leben.

Burkhard Plemper: Ich bin ja immer wieder verblüfft, wenn ich von Angehörigen so etwas höre. Die machen immer einen unglaublich starken Eindruck - machen Sie ja auch. Das ist Alltag, das wird bewältigt, damit gehen wir um, das haben wir im Griff - ich kann mir das immer schwer vorstellen, habe aber eine große Hochachtung davor. Nun hat sich ja die Aktion Demenz auf die Fahnen geschrieben, die Kommunen „demenzfreundlicher" zu machen. Das ist ja ein großes Wort - wie sieht das denn aus der Sicht einer Angehörigen aus - was brauchen Sie, um Ihren Alltag so bewältigen können, wie Sie ihn bewältigen?

Herta Eisfeld: Vieles. [Lacht] Das ist in unterschiedlichen Krankheitsstadien sehr unterschiedlich.
In der Zeit, in der mein Mann sehr aktiv war, war es ganz wichtig für mich, dass der ganze Ort eingebunden war. Ich bin viel ehrenamtlich tätig, von daher kenne ich viele Leute.
Ich habe zum Beispiel mit den Gasthäusern Vereinbarungen gehabt, wenn er kam, er konnte schon nicht mehr sprechen, dass er das Tagesessen bekommt und ¼ Rotwein. Und ich habe unsere Telefon-Nummer dort hinterlassen, weil er nicht bezahlt hat. Das ging so lange gut, bis einmal eine fremde Bedienung da war, die ihn nicht kannte. Daraufhin ging mein Mann kurz entschlossen zu einer Dame und nahm ihr Bier und ihr Schnitzel weg und aß es auf. Und dann ging es eben nicht mehr. Also da war die Gastronomie vor Ort sehr hilfreich, die Händler vor Ort, die ihn kannten, die ihn zurückgebracht haben, die Polizisten ....

Burkhard Plemper: Und das hat klappt?

Herta Eisfeld: Das hat geklappt, ich bin halt hin und habe das denen gesagt.

Burkhard Plemper: Da stelle ich mir vor, das ist ja auch große Nähe, dass man erstens rumgeht und das bekannt macht. Und zweitens, dass die anderen sagen; wir fühlen uns vielleicht auch verpflichtet dazu, so damit umzugehen. Und nicht zu sagen: das wehren wir ab, damit wollen wir nichts zu tun haben.

Herta Eisfeld: Ich war selbst erstaunt, wie freundlich die Menschen uns begegnet sind. Und mit wie viel Hilfsbereitschaft wir auch konfrontiert worden sind. Also, als es darum ging, Pflege und Betreuung zu organisieren, das war ungleich härter, weil da einfach der Markt leergefegt ist und es ganz schwer ist, gute Leute zu finden.

Burkhard Plemper: Das klang ja gestern auch in unserer Runde an, solche Stichworte wie „Markt" ist dann etwas Schwierigeres als im sozialen Miteinander klar zu kommen.

Herta Eisler: Ja, ganz klar. Ich habe auch ... ich habe viele Kontakte, ein Netzwerk, bin seit über 20 Jahren in der Sitzwache - mache ehrenamtliche Hospizarbeit - das habe ich schon gemacht, bevor er krank wurde und ich mache es immer noch. Da kenne ich viele Menschen, die ihn auch besuchen. Dieses Umfeld ist geblieben. Sein Kreis ist weggebrochen, das waren lauter Leistungssportler, die haben das nicht ausgehalten. Mein Kreis, der so sozial orientiert war, der trägt heute noch.

Burkhard Plemper [verweist auf den anwesenden Vertreter des Sports, der aufmerksam zuhört und bedankt sich bei Herta Eisfeld.]

[Herta Eisfeld ist inzwischen auch im Vorstand der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg engagiert. Mehr über Herta Eisfeld, ihre Geschichte, ihre Haltung und ihr Engagement erfahren Sie hier.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok