random1.jpg
Demenz & Migrationshintergrund – Neue Studie beginnt

GIESSEN, 27.09.2016 – In Deutschland leben über 100.000 Menschen mit Migrationshintergrund mit unterschiedlichen dementiellen Veränderungen, also z.B. mit Alzheimer. Da über diese Gruppe wenig bekannt ist, werden jetzt unterschiedliche Weisen des Umgangs mit Demenz in Familien mit Migrationshintergrund näher untersucht. Die deutschlandweite Initiative Aktion Demenz e.V. wird dieses Vorhaben mit Unterstützung des Institutes für Soziologie der Justus-Liebig-Universität Gießen und gefördert durch die Robert Bosch Stiftung durchführen.

108.000 Menschen mit Demenz und Migrationshintergrund
Bekannt ist: In Deutschland leben 16,5 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, davon sind 1,5 Millionen über 65 Jahre alt. Etwa 108.000 von ihnen sind geschätzt von einer Demenz betroffen. Es wird angenommen, dass bis zum Jahr 2030 15 % aller über 65-jährigen Personen in Deutschland Migrationshintergrund haben werden. Unter den älteren Menschen mit Migrationshintergrund bilden derzeit neben denen mit türkischer Herkunft die Spätaussiedler und Migranten aus Mittel- und Osteuropa mit rund 624.000 Menschen die mit Abstand größte Gruppe.
Der 1. Vorsitzende der Aktion Demenz e.V., Prof. Reimer Gronemeyer macht deutlich: „Auch Menschen mit Migrationshintergrund werden älter. Auch in Migrationsfamilien gibt es Demenz. Über die Lage von Menschen mit Demenz in Deutschland allgemein gibt es einiges Wissen, ebenso über Menschen mit Migrationshintergrund allgemein. Aber über die spezielle Situation von Menschen mit Demenz in „Migrantenfamilien“ ist noch recht wenig bekannt.“

 

Höheres Demenzrisiko & vergessene Deutschkenntnisse
In den wenigen vorhandenen Studien zum Thema finden sich Hinweise, dass Menschen mit Migrationshintergrund aufgrund ihrer Biographien und Lebenssituation ein höheres Risiko tragen im Alter von einer Demenz betroffen zu sein. Als besondere Schwierigkeiten genannt sind dort auch Sprachbarrieren, im Alltag, aber auch in der Pflege oder bei der Diagnose. So können gängige Demenz-Tests z.B. häufig nicht angewandt werden. Besonders schwierig wird es für die Betroffenen, wenn im Alter die in den letzten Jahrzehnten erlernten Deutschkenntnisse verloren gehen.

Annäherung statt Vorurteile
Die Projektleiterin Verena Rothe erklärt den Ansatz der neuen Studie: „Es ist explizit nicht als vorurteilsbehaftete Aufdeckerstudie gedacht, sondern konzentriert sich auf die explorative Annäherung an folgende Fragen: Wie wird Demenz verstanden? Wie sieht der Umgang mit Demenz aus? Wer pflegt? Welche Kenntnisse und Wünsche über ambulante, institutionelle, nachbarschaftliche Hilfen gibt es? Welche kulturellen, familialen, traditionellen Orientierungen wirken sich wie aus? Gibt es Ansätze von demenzfreundlichen Gemeinschaften?“

Interviews mit Angehörigen & Vergleiche
Die Gießener Forscher werden sich weniger auf Experteninterviews stützen, sondern vor allem Interviews mit Angehörigen von Menschen mit Demenz führen. Dabei werden sowohl Menschen mit unterschiedlichem Migrationshintergründen (z.B. Türkei, Osteuropa, Südeuropa) befragt, sowie zum Vergleich auch eine Art Kontrollgruppe ohne nennenswerten Migrationshintergrund. Im Falle der Türkei werden zudem vor Ort Experteninterviews durchgeführt, um auch hier Vergleiche ziehen zu können.

Von der Studie erwartet sich die Aktion Demenz eine Vertiefung der ersten Beobachtungen zu diesem Thema, die sie u.a. im Rahmen des Förderprogrammes Menschen mit Demenz in der Kommune machen konnte. „Passend zu unserem lernenden, eher prozesshaft ausgerichteten Ansatz erhoffen wir uns auch einen gegenseitigen Austausch von Erfahrungen und Einstellungen. Was können die Menschen ohne vielleicht auch von denen mit Migrationshintergrund lernen?“, so Verena Rothe.

Impulse für kultursensiblen Umgang mit Demenz
„Wir hoffen, dass unsere Arbeit dazu dient, Impulse für kultursensible Ansätze für den Umgang mit Menschen, die von Demenz betroffen sind, und ihre Angehörigen zu geben“ ergänzt Reimer Gronemeyer. Dies sei auch im Sinne der Hauptziele der Aktion Demenz, nicht Medizin und Pflege, sondern soziale und kulturelle Aufgaben und auch Chancen, die mit Demenz einhergehen, in den Fokus zu rücken.

Reimer Gronemeyer und Verena Rothe forschen dabei im Team mit Jonas Metzger und Oliver Schultz. Die ersten Ergebnisse sollen Anfang des Jahres 2017 vorliegen.

Gern stehen wir auch für Interviewanfragen zur Verfügung. Über ein Belegexemplar bzw. einen Beleglink zu Veröffentlichungen würden wir uns freuen!
Kontakt:
Aktion Demenz e.V. Karl-Glöckner-Str. 21 E  35394 Gießen
Telefon +49 (0) 641/992 32-06
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können.
www.aktion-demenz.de, www.demenzfreundliche-kommunen.de